Meine Erfahrungen nach 5 Jahren leben+arbeiten in Australien

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Silvery
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Meine Erfahrungen nach 5 Jahren leben+arbeiten in Australien

Beitrag von Silvery » 07.11.2010 - 05:19

Hallo an alle!

Viele lernen Australien ja hauptsaechlich durchs Reisen kennen und sind kaum laenger als ein Jahr hier. Ich wuerde mal gerne meine Erfahrungen nach 5 Jahren leben und arbeiten in Australien mit euch teilen.
2005 kam ich fuer knapp 2 Monate backpacking nach Downunder und wie den meisten hat es mir hier natuerlich supergut gefallen. Die herrliche Landschaft, das Herumreisen, die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Australier haben mich fasziniert, so dass ich, nachdem ich wieder in Deutschland war, beschlossen habe fuer 1 Jahr Working Holiday zurueck nach Australien zu gehen.

Mir ging es damals wie vielen hier im Forum, ich hatte genug von Deutschland und seiner Politik und wollte einfach mal was anderes erleben und mal gaaanz weit weg von allem sein.
Die Leichtigkeit, Unbekuemmertheit und das easygoing in Australien waren ein ziemlicher Kontrast zu Deutschland und ich hab die erste Zeit hier sehr genossen.
Hab dann nach einigen Monaten auch meinen jetzigen Partner, einen Australier, kennengelernt und er war dann mit ein Grund dass ich das 2. Working Holiday Visa beantragt hab. Sind dann auch zusammengezogen da wir uns fuer das de facto spouse visa bewerben wollten und genau das haben wir auch getan.

Ich stehe nun kurz davor mein permanent Visum zu bekommen, aber ehrlich gesagt weiss ich gar nicht mehr was ich damit anfangen soll wenn ich es bekomm.. Fuer viele mag das verrueckt klingen, manch anderer wuerde sich gluecklich schaetzen ein permanent Visum fuer Australien zu haben. Aber bei mir ist irgendwie die Luft draussen.
Hab mir die letzte Zeit sehr viele Gedanken gemacht.. eigentlich denk ich schon seit langem darueber nach. Aber mittlerweilen muss ich mir eingestehen, ich kann und will nicht den Rest meines Lebens in Australien verbringen!
Ich hab oft Probleme mit meinem Partner, gerade wegen der Trinkerei und frag mich eigentlich schon seit langem ob die Beziehung wirklich das Richtige ist..
Der Alkoholkonsum in Australien ist ja sehr hoch, es ist sowas von normal sich voll laufen zu lassen, obwohl ja der Alkohol hier sehr teuer ist. Hier trifft man sich nicht einfach mal auf nen Kaffee, nein, es MUSS bei jedem kleinen oder grossen Anlass getrunken werden.

Ich find es ehrlich gesagt erschreckend wieviele Menschen hier Alkoholprobleme und vor allem auch Mental Health Issues haben. Ich erlebe das jeden Tag, da ich fuer ein Community Care Centre arbeite, dass sich um Senioren und sozial benachteiligte kuemmert. Ich haette es nie fuer moeglich gehalten wieviele Leute es in Australien gibt die Depressionen haben und unter Schizophrenie und anderen psychischen Stoerungen leiden! Die Institutionen fuer geistig Behinderte wurden vor Jahrzehnten einfach aufgeloest und die Bewohner in die Gemeinschaft `integriert`, wo die meisten nun in irgendwelchen heruntergekommenen dreckigen Zimmern oder Wohnungen vor sich hin vegetieren. Wie gesagt, erschreckend!

Was mir auch zu denken gibt ist Hautkrebs. Australien hat die hoechste Hautkrebsrate der Welt! So viele aeltere Menschen haben hier Hautkrebs. Ohne Sonnencreme kann man sich ja kaum aus dem Haus wagen... unsere weisse Haut ist einfach nicht fuer diese intensive UV-Einstrahlung geschaffen.
„More than 10.300 people are treated for melanoma, with 1250 people dying each year.â€￾
“Two in three Australians will be diagnosed with skin cancer by the time they are 70.â€￾ (Cancer Council Australia)

Ich habe hier durch meine Arbeit 3 deutsche Senioren kennengelernt, die nach dem Krieg nach Australien ausgewandert sind. Die leben seit ueber 50 Jahren hier und man sieht immer noch wie sehr deutsch sie sind. Alle 3 sagen, sie wuerden niiie mehr nach Australien auswandern. Die sind hier sowas von einsam, auch wenn sie Kinder und Enkelkinder haben, oft ist es so dass die in einem anderen Staat wohnen. Eine erzaehlte mir dass sie in Deutschland noch Familie hat, eine juengere Schwester und wie gerne sie doch bei ihr waere. Seit ihr Partner gestorben ist, geht es ihr richtig schlecht. Sie bereut es total damals nach Australien gekommen zu sein...

Das gab mir echt sehr zu denken. Klar, jetzt sind wir jung und wollen das Leben geniessen und machen uns keine Gedanken was mal in zig Jahren ist, aber wie wird es denn mal im Alter aussehen? Wenn man hier kaum jemanden hat weil man die Familie und Freunde in Deutschland zurueck gelassen hat?

Auch die oft erwaehnte Freundlichkeit der Australier ist bei genauem Hinsehen sehr oberflaechlich. Es wird viel geredet und behauptet, aber nicht viele stehen wirklich zu dem was sie sagen. Es ist oft einfach nur oberflaechliches Gerede. Versprechungen oder begeisterte Einladungen und Vorschlaege fuer Unternehmungen werden einfach `vergessen`. Grosse Worte, keine Taten.. das erleb ich hier andauernd.
Ich hab hier in 5 Jahren keine einzige engere Freundschaft geschlossen! Und ich hab von vielen Deutschen gehoert denen es genauso geht. Klar man geht mit Bekannten weg oder mit Kollegen, aber da gehts auch meist nur ums Feiern und Trinken und man hat zwar einen lustigen Abend aber wie gesagt, es entsteht irgendwie nichts engeres. Die besten Zeiten und den groessten Spass hatte ich hier mit einer Deutschen, die leider aber nur fuer 1 Jahr hier war.

Ausserdem gibt es kaum Kultur, keine Geschichte oder alten Bauwerke. Das Hauptinteresse scheint Sport, Barbecues und Bier zu sein.
Aber was mir am meisten zu schaffen macht ist die Isoliertheit.. auch wenn Australien ein riessiges Land ist, ich fuehl mich hier wie gefangen. Ich kann nicht mal kurz ueber die Grenze zum Nachbarland fahren, nein ich muss hohe Reisekosten und einen 25 stuendigen Flug auf mich nehmen um mal hier rauszukommen und meine Familie und Freunde in Deutschland zu sehen.
Ich habs zum Glueck jedes Jahr geschafft fuer ein paar Wochen Heimaturlaub nach Deutschland zu kommen, aber mit jedem Mal macht mir der lange Flug mehr zu schaffen. Das letzte Mal konnte ich 10 Tage wegen Jetlag kaum schlafen und bin fast verrueckt geworden.

Und mit jedem Mal faellt mir der Abschied von Deutschland schwerer...
Ich sehe mein eigenes Land jetzt mit ganz anderen Augen. Auch wenn es viel negatives in Deutschland gibt, in Australien ist auch nicht alles gold was glaenzt. Die Politik hier ist momentan eine einzige Lachnummer, die Lebensmittelkosten steigen mehr und mehr an.
Zitat: „AUSTRALIANS are paying the fastest-rising food prices of any major developed nation. The cost of feeding a family has shot up more than 40 per cent this decade, new OECD figures reveal. That is a quarter quicker than prices have risen in Britain, twice as fast as in France and nearly three times the speed at which German groceries have increasedâ€￾, The Daily Telegraph reports.

Die Zinsen fuer einen Eigenheimkredit werden von der Reserve Bank ebenfalls hoeher und hoeher geschraubt, so dass Familien sich kaum noch ihr Haus leisten koennen.

Ich vermisse Europa und Deutschland mehr und mehr... ich vermisse richtige Jahreszeiten und unser gemuetliches Weihnachten mit Weihnachtsmaerkten, Plaetzchen und Kerzenschein. Weihnachten bei 35 Grad im Sommer ist fuer mich kein Weihnachten, das ist vielleicht 1 oder 2 mal ganz witzig, aber dann sehnt man sich wieder nach einem richtigen Weihnachten im Winter und hier ist Weihnachten ja eh nur wieder ein Grund sich zulaufen zu lassen. Ich vermisse meine Familie und Freunde. Ich vermisse die deutsche Sorgfalt und Verlaesslichkeit. In Deutschland ist man soviel mehr abgesichert! Ich seh das hier auf der Arbeit jeden Tag wie Senioren mit ihrem bisschen Rente zurecht kommen muessen und dann oft fuer hohe Arztrechnungen aufkommen muessen, da Medicare nicht alles abdeckt. Ich bin als casual angestellt, d.h. ich bekomm weder Urlaubsgeld noch Krankengeld. Ich nehm mir kaum mal einen Tag frei, weil mir das sofort in meinem Gehalt fehlt.

Klar ich hab hier sehr viele schoene und unvergessliche Zeiten erlebt. Australien hat auch viele positive Seiten und es ist ein wunderschoenes Reiseland aber ich kann mir wirlich nicht vorstellen mein Leben hier zu verbringen oder gar Kinder hier grosszuziehen.. schon allein wegen der Entfernung.
Mir wird der Abschied sehr schwer fallen, vom Land, von meiner Arbeit, von meinen Kolleginnen, von meinem Partner. Mich belastet der Gedanke total! Ich hab hier ueber 5 Jahre meines Lebens verbracht und ich hab schon Bedenken wie ich mich dann wieder in Deutschland eingewoehnen werde... Aber trotzdem moechte ich wahrscheins im naechsten Jahr wieder zurueck nach Deutschland gehn. Dort ist wo mein Herz ist.
Auch wenn ich jobmaessig in eine andere Stadt ziehen muesste.. die Hauptsache ist ich kann jederzeit mal fuer ein verlaengertes Wochenende heimfahren. Nichts ist wirklich weit weg im Vergleich zu Australien...

Dies sind MEINE persoenlichen Erfahrungen und Meinungen und sollen keine Verallgemeinerung darstellen!

Silvery
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Beitrag von sunrise » 07.11.2010 - 06:37

Ging mir in einigen Punkten genau so, ist mir aber schon während meines WHV Aufenthaltes aufgefallen. Ich konnte nach meiner Zeit in Australien das erste Mal verstehen, wie schwer es für Ausländer in Deutschland sein muss.
Was mir allerdings leid für dich tut, ist, dass du keine "anderen" Australier kennen gelernt hast. Es gibt nämlich durchaus auch Männer, die sich nicht immer die Kante geben müssen und denen ein Drink am Abend reicht.
Ich könnte mir vorstellen, das du insgesamt andere Menschen bei so Naturschutz-Volunteer Projekten triffst.

Aber letztendlich sind irgendwelche Tips und Ratschläge ja nicht das, was du brauchst. Du steckst einfach in einer Krise und hast Heimweh.

Wenn du mit dem Gedanken spielst zurückzukehren, ist das doch nichts schlimmes. Der eine kommt mit der australischen Mentalität zurecht, der andere nicht. Und zum Urlaub machen kannst du ja immer wieder hinreisen.
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Beitrag von OzTravelGuy » 07.11.2010 - 07:29

Falls es Dich troestet: Du bist beileibe nicht die einzige, der es so geht.
Viele Deutsche lernen ihr Land erst richtig zu schaetzen, wenn sie mal laengere Zeit weg waren.

Auch wenn diese Auswander-Comedy Sendungen im dt. TV und andere Medien suggerieren, dass halb Deutschland am Auswandern ist, so sprechen die nackten Zahlen eine andere Sprache: Jedes Jahr verlassen etwa 150,000 Deutsche dauerhaft das Land - zumindest glauben sie das zu dem Zeitpunkt. Gleichzeitig kommen aber auch jedes Jahr ueber 130,000 wieder zurueck, d.h. die Netto-Abwanderung liegt bei lediglich ein paar Tausend.


Was einem lieb und wichtig ist, erkennt man meist erst wenn man es nicht mehr hat.
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Beitrag von Chacco » 07.11.2010 - 08:15

Das was du schreibst, wird irgendwann jeder Auswanderer mal mehr oder weniger stark erleben. Die anfangs so positiven, weil aufregend neuen Dinge werden irgendwann normal und fangen an zu nerven.

Aber lass dir gesagt sein, auch in Deutschland sind Rentner oft einsam und verarmt, wissen nicht, wie sie sich vernünftig ernähren sollen mit der kleinen Rente.
Auch in Deutschland wird viel gesoffen (was Bier angeht, weltweit sogar fast am meisten), auch in Deutschland sind Depressionen mittlerweile Volkskrankheit Nummer 1, auch in Deutschland wird alles teurer etc.

Kein Land ist perfekt, letztendlich ist es so, dass Zufriedenheit oder Unzufriedenheit nicht so stark vom Aufenthaltsort abhängen, wie viele denken, sondern davon, wie man sein Leben an diesem Ort gestaltet.

Trotz allem hat man in Ländern mit einem weniger ausgeprägten Sozialsystem viel größere Chancen, wirklich was großes aufzubauen, als in Deutschland. Die Gefahr, dass man aber sozial absteigt, ist auch um einiges größer.

Du klingst recht frustriert, also würde ich an deiner Stelle auch zurück nach Deutschland gehen.

Für mich wäre das momentan undenkbar, ich könnte mir zwar gut vorstellen, für ein paar Jahre in die Schweiz zu gehen, aber Deutschland vermisse ich glücklicherweise gar nicht.
fawkes

Beitrag von fawkes » 07.11.2010 - 11:21

depressionen sind nicht nur in deutschland weit verbreitet, sonder VOR ALLEM in den ländern, die die höchste zuwanderungsrate haben. aber nicht die zuwanderer sind die mit den problemen....

deutschland ist eines der wenigen länder, das es schafft, psychische probleme als gleichwertige krankheit zu akzeptieren.
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Beitrag von Chacco » 07.11.2010 - 12:47

fawkes hat geschrieben:depressionen sind nicht nur in deutschland weit verbreitet, sonder VOR ALLEM in den ländern, die die höchste zuwanderungsrate haben.
Wohl eher in den Ländern, in denen großer Leistungsdruck besteht, deshalb sind Depressionen z.B. auch in Japan sehr stark vertreten und enden nicht selten mit Selbstmord.
fawkes

Beitrag von fawkes » 07.11.2010 - 17:17

leistungsdruck würde aber wiederum gegen deutschland sprechen....
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Beitrag von Chacco » 07.11.2010 - 18:21

Nein, gesellschaftlich gesehen besteht ein sehr hoher Leistungsdruck in Deutschland. Wenn der Nachbar nen Mercedes fährt, muss man ja selbst schliesslich auch einen haben. Und in Zeiten der Zeitarbeitssklaverei ist der Leistungsdruck generell sicherlich nicht weniger geworden, das ist ja ein recht breites Spektrum, was man zum Thema Leistungsdruck zählen muss.
fawkes

Beitrag von fawkes » 07.11.2010 - 18:45

naja naja, kling ein wenig weit hergeholt. wenn man alle depressionen auf leistungsdruck schieben könnte, dann gäbe es das problem nicht.

zudem gibt es in anderen ländern ähnliche anforderungen, wenn gar nicht noch höhere, da leidet auch nicht jeder geschätzt zweite unter depressionen. ich denke, es ist eine mischung aus leistungsdruck und gesellschaftlichen strukturen.
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Beitrag von Chacco » 07.11.2010 - 19:11

fawkes hat geschrieben:naja naja, kling ein wenig weit hergeholt. wenn man alle depressionen auf leistungsdruck schieben könnte, dann gäbe es das problem nicht.
Natürlich haben Depressionen viele Ursachen, dazu zählen auch genetische Voraussetzungen, Wetter etc.
fawkes

Beitrag von fawkes » 08.11.2010 - 14:24

back to topic:

schön, dass nicht nur ich die trinkfreude der damen und herren da unten wahrgenommen habe.
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Beitrag von Kathrin E » 08.11.2010 - 19:12

Schö, dass das mal jemand so offen zu sagen wagt. Ich hoffe, dass die "In Deutschland-ist-alles-nur-Sch****-Fraktion" das hier liest...
Üœberall gibt es Licht und Schatten, Vorteile und Nachteile.

Ich wünsche Dir, dass Du den für Dich richtigen Weg findest und einen Platz, an dem Du Dich wohl fühlen kannst, egal wo in der Welt!!!
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Beitrag von Silvery » 09.11.2010 - 09:30

Danke fuer eure Antworten!! :smile:
Richtig, jedes Land hat seine Vor- und Nachteile und mir gehts mittlerweilen echt auf die Nerven wie manche so ueber Deutschland herziehen. Das ist UNSERE Heimat! Und fuer mich wird es wohl auch immer meine Heimat bleiben.
Was das Alkoholproblem angeht... klar trinken die Deutschen auch nicht grad wenig. Wir sind ja beruehmt fuers gute Bier :wink: Aber was ich hier in Australien nicht begreifen kann, ist, wie schlimm sich die Trinkerei aufs Verhalten auswirkt! Die aendern sich so sehr zum negativen und irgendwie fast schon ein bisschen 'mental'. Ich weiss nicht, ich kann das gar nicht beschreiben.. aber mein Freund ist da das beste Beispiel. Er ist wie eine andere Persoenlichkeit wenn er trinkt. Ich hab das in Deutschland nie dermassen krass erlebt!
Schlimm ist vor allem das binge drinking.. ohne Ende wird da reingeschuettet und ruckzuck sind ein paar Hundert Dollar fuer eine Nacht drauf gegangen. Und der Rest des Wochenlohns wird in die Pokies gesteckt...
Was die Depressionen betrifft erstaunt es mich ja schon, dass in dieser easygoing unbeschwerten Gesellschaft und in einem Land in dem fast immer die Sonne scheint, dennoch so dermassen viele Menschen an Depressionen leiden!

Gruss
Silvery
fawkes

Beitrag von fawkes » 09.11.2010 - 10:22

dieses gejammer, wie schlecht deutschland doch ist, geht mir sowieso gegen den strich. aber vielleicht muss man erst lange (und nicht für ein jahr whv in australien/neuseeland) weg gewesen sein, um die vorzüge der heimat schätzen zu können - denn so schlecht ist es hier gar nicht.

so sind wirklich in australien viel mehr menschen (prozentual) alkoholabhängig. in den usa brauchen mehr leute pillen, um den alltag zu durchstehen. in skandinavien, zunehmend schweden und finnland, 'boomen' depressionen.

wenn man von dem 'negativvergleich' absieht, so gibt es für mich einen klaren grund zur präferenz für deutschland: es ist herrlich vollgestopft. so viele menschen. ich will städte (er)leben, die 24/7 pulsieren. (hab ich anderswo auch, aber so viele menschen auf so engem raum...)
(es war wirklich ein problem für mich, dass (vielleicht von melbourne abgesehen) australische städte nachts 'sterben'. nz war da schon angenehmer.)
dazu die herausragende verkehrstechnische infrastruktur. ich kann mich von a nach b bewegen, wann immer ich will....nahezu 24/7.
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Beitrag von Chacco » 09.11.2010 - 21:29

fawkes hat geschrieben: wenn man von dem 'negativvergleich' absieht, so gibt es für mich einen klaren grund zur präferenz für deutschland: es ist herrlich vollgestopft. so viele menschen. ich will städte (er)leben, die 24/7 pulsieren. (hab ich anderswo auch, aber so viele menschen auf so engem raum...)
(es war wirklich ein problem für mich, dass (vielleicht von melbourne abgesehen) australische städte nachts 'sterben'. nz war da schon angenehmer.)
Das ist für mich allerdings ein wichtiger Grund, warum Deutschland momentan kein Thema für mich ist. Abgesehen von den Sommermonaten in einigen wenigen Großstädten ist Deutschland nachts tot, so tot, dass ich letztes Mal dachte, es wäre ein Atomkrieg ausgebrochen und alle Menschen in Deutschland wären ausgestorben.
Hier habe ich 24 Stunden Menschen, wenn ich es will. Ich kann jederzeit was essen gehen, auch wenn ich nachts um 4 Uhr wach werde und Hunger habe.
Und generell ist es so (auch in dem Teil von Australien, wo ich gelebt habe), dass sich das Leben viel mehr auf den Straßen abspielt, als in Deutschland, was sicherlich auch mit dem Wetter zu tun hat.
fawkes

Beitrag von fawkes » 10.11.2010 - 10:27

dem kann ich nur gänzlich widersprechen. die städte, in denen ich bisher in deutschland gelebt habe, waren alle "nachaktiv". in sydney war ich nachts um 2 auch mal die einzige auf der straße. ach nee, das müllauto war noch da.

recht gebe ich dir damit, dass deutschland natürlich nicht mit thailand zu vergleichen ist. aber auch tagsüber ist es dort einfach viel "geschäftiger" und hektischer. wichtig: ich meine mit 24/7 auch nicht, dass ich um 4 nachts einkaufen, essen oder demonstrieren gehen möchte. ich will nur dann menschen begegnen und mich nach meinem gusto von 8 nach b bewegen können.

ich denke, jeder muss selbst wissen, was am besten zu ihm passt.

aber wie gesagt, dies ist nur eins der wenigen abschuss-kriterien für OZ.
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Beitrag von Jojo29 » 10.11.2010 - 19:23

Danke, dass du diesen sehr ausführlichen, persönlichen und ehrlichen Post geschrieben hast, Silvery!

Finde ich echt ganz toll und vieles darin deckt sich auch mit meinen Beobachtungen, obwohl ich natürlich nicht so lange in Australien war, wie du es bist.

Natürlich sind es individuelle Erfahrungen, aber ein paar Dinge davon sind durchaus verallgemeinerbar. Speziell das Thema Alkohol ist es definitiv.

Die Lebensqualität in Deutschland ist aus verschiedenen Gründen sehr, sehr hoch, das darf man glaube ich ruhig auch mal akzeptieren. Das muss ja nicht bedeuten, dass es nicht für einzelne Menschen bessere Modelle im Rest der Welt gibt. Gibt es sicher, aber so schlecht wie das Land manchmal gemacht wird, ist es sicher nicht.

Mich stört hier manchmal diese Australienverglorifizierung.

@Chacco: Thema totes Nachtleben. Ich war gerade 5 Tage in London. Da kenne ich aber zahlreiche deutsche Städte, die ein viel aktiveres Nachtleben haben. Und Berlin gilt weltweit als eine der Partymetropolen schlechthin. Verstehe den Punkt ehrlich gesagt nicht. Wenn du eine deutsche Großstadt mit Bangkok vergleichst, dann musst du es schon in allen Punkten tun.
Das Leben spielt sich aus meiner Sicht dann mehr auf den Straßen ab, wenn die Leute in Mauselöchern leben und rausgehen müssen, weil sie keine 3 Leute in ihre Wohnung bekommen. Das ist doch auch in New York ein ganz wesentlicher Grund für das aktive Nachtleben.

Ich gehe gerne raus, gerne in Bars, aber ich lade auch gerne mal Freunde nach Hause ein. Das findet in ganz vielen Großstädten kaum statt.
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Beitrag von Chacco » 10.11.2010 - 19:26

fawkes hat geschrieben:dem kann ich nur gänzlich widersprechen. die städte, in denen ich bisher in deutschland gelebt habe, waren alle "nachaktiv".
Das waren dann vermutlich Hamburg, München, Köln und Berlin oder?
Ansonsten kenn ich nur tote Städte, selbst Frankfurt ist nachts tot, da muss man schon sehr genau wissen, wo man noch hingehen kann.
In Australien kenne ich nur Cairns wirklich gut und dort war man auch nachts nicht allein, trotz Sperrstunde für die Pubs.
Weiterer Punkt: Nachts in Deutschland ist es verdammt gefährlich, wenn man in den falschen Ecken landet.
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Beitrag von Rando » 10.11.2010 - 21:50

Also ersteinmal möchte ich Silvery für diesen klasse beitrag danken:)
Ich denke man kann Australien erst wirklich beurteilen wenn man lnger als ein jahr dort unten war.

Ich habe dort unten auch erst meine Heimat schätzen gelernt.

Hier kann ich meine Ausbildung machen und bekomme Geld anstadt zu zahlen.

Hier brauche ich mir weniger sorgen um meine Haut zu machen.

Man spürt jede Jahreszeit einzeln.

Es gibt noch einiges mehr was ich hier aufzählen könte;)
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Beitrag von Jojo29 » 10.11.2010 - 23:22

Chacco hat geschrieben:
fawkes hat geschrieben:dem kann ich nur gänzlich widersprechen. die städte, in denen ich bisher in deutschland gelebt habe, waren alle "nachaktiv".
Weiterer Punkt: Nachts in Deutschland ist es verdammt gefährlich, wenn man in den falschen Ecken landet.
Och komm Chacco. :roll: Das ist doch Unsinn. In den falschen Ecken ist es überall auf der Welt gefährlich. Und bangkok ist da einfach sicherer?

Thema Sicherheit ist sicher kein Punkt, der gegen Deutschland im weltweiten Vergleich spricht.
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