Should I stay or should I go

Hilfe bei Reisefrust, Heimweh, Fernweh und anderen Zweifeln, Sorgen, Gedanken und Problemen die euch vor/während/nach eurer Reise beschäftigen.
Wittchen
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Should I stay or should I go

Beitragvon Wittchen » 16.03.2017 - 03:39

Hallo ihr Lieben!

Ich hab mich eben sehr gefreut, diesen Blog gefunden zu haben!
Hier gibt es anscheinend noch mehr, die sich so ähnlich fühlen, wie ich!

Ich bin zerrissen und unsicher, was ich tun soll...
Wegen meinem Aussi-Partner bin ich im September 2015 nach Sydney gekommen, wo ich bei ihm wohnen konnte und ein fantastisches und abenteuerliches Jahr mit vielen Reisen und kaum Sorgen erlebt habe.
Von dem Mann hab ich mich getrennt, in das Land habe ich mich verliebt.
Und nach 3 Monaten "Denkpause" in Deutschland bin ich jetzt wieder in Sydney.
Ich studiere nochmal was, was ich mir zwar gerade so leisten kann, aber eigentlich keinen Sinn für mich macht - es gibt mir halt Zeit bis November...
Ohne meinen Ex bin ich auf mich allein gestellt, ich habe 3 Jobs und darf nur 20 Stunden arbeiten...
Ich bin am ständig am Straucheln und ständig unter Druck, über die Runden zu kommen.
Viel Reisen kann ich so nichtmehr... und ich bin in ständiger Unruhe, weil ich einfach nicht weiß, wohin mit mir.
Ich bin 35 und denke so langsam an Familie... aber möchte ich die in Australien? Wo ich vom Rest meiner Familie getrennt bin? Und unsere Urlaube sich auf Reisen zwischen Deutschland und Australien beschränken würden?
Und ich hab ja noch nichtmal einen Sponsoren, kein Geld, um MIgration Agent und Visa Gebühren zu zahlen...
Meine Vernunft sagt: geh nach Hause und bau dir dort wieder ein Leben auf... Verschwende keine Zeit... Reise noch einmal durch Neuseeland und dann wird Australien eben ein Urlaubsland sein... du kannst ja alle paar Jahre wieder vorbei schauen.
Mein Herz sagt: bleib hier und kämpfe! Hier bist du glücklich, die Menschen, das Meer, das Land geben dir so viel...

Jeden Tag zieht es mich in eine andere Richtung... und ich möchte die Entscheidung bald treffen, weil ich diese Unsicherheit nichtmehr lange aushalte... Mein Selbtsbewusstsein wird immer kleiner und ich habe Angst, in Deutschland nichtmehr reinzupassen und Australien ständig nachzutrauern...

AArghhh!!

Habt ihr Ähnliches erlebt? Irgendwelche Tipps?

Danke

Julia
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Beitragvon Chacco » 16.03.2017 - 16:54

Ich kann nur jedem generell dazu raten, auf sein Herz zu hören. Dann wird es vielleicht nicht immer einfach, aber du wirst ein erfüllteres Leben mit viel mehr Abenteuern haben.
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Beitragvon Bine » 16.03.2017 - 18:36

Hallo Julia,
was für ein interessanter Post - so etwas hatten wir schon lange nicht mehr hier im Forum.

Interessant, was Chacco geschrieben hat und ... wie Recht er damit hat.

Ich hatte in deinem Alter, aber das ist nun auch schon 20 Jahre her, genau die gleichen Gedanken. Ich wollte unbedingt in Australien bleiben, fand alles toll: die Sonne, die Menschen, das Land ansich ... ich war hellauf begeistert.

Heute bin ich es nicht mehr: Also, ich mag Australien immer noch, aber es ist so wie mit einem Partner, mit dem man jahrelang zusammn war und sich dann getrennt hat. Man hat sich auseinander gelebt, man hasst sich nicht, man kann sich ohne Gruel treffen, ohne böse Worte über die Person reden, aber die Person reißt einen nicht mehr vom Hocker, man hat ein seltsam, neutrales Gefühl für diese Person ... kennst du das? Genau so geht es mir mit Australien.

Heute bin ich froh, in Deutschland zu leben. Es sind so viele verschiedene Dinge, die mich erfreuen. Dass Kinder ohne Schuluniform in die Schule gehen können; dass wir uns für Flüchtlinge engagieren und sie nicht auf Inseln verbannen; dass nicht jeder dunkle Fleck an der Wand gleich eine Riesenspinne ist; dass man nur ein paar Stunden fliegt und in den schönsten Metropolen der Welt ist wie London, Paris oder Rom und das man die großartige Toskana, die wunderschöne Algarve und die imposanten norwegischen Fjorde gleich vor der Tür hat; dass ich mich in meiner Muttersprache auch zu den kompliziertesten Dingen unterhalten kann, ohne dass mir die Worte fehlen .... ich könnte noch endlos so weitermachen.

Über all diese Dinge habe ich mit Mitte 30 nicht nachgedacht, da habe ich nur die schöne Landschaft, das tolle Wetter und die netten Menschen in Australien gesehen.
Aber apropos Menschen: soooo besonders sind sie nun auch wieder nicht. Lerne Deutsche näher kennen, und du wirst merken, sie schätzen eine Freundschaft viel mehr als die meisten Australier, die dich morgen schon wieder vergessen haben. Ihre Oberflächlichkeit, was Freundschaften betrifft, geben die Australier auch oft freimütig zu - das wäre halt ihre Mentalität.

Gruß
Sabine (die, alle Reisen zusammengerechnet, rund 3 Jahre in Australien verbracht hat).
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Beitragvon Wittchen » 17.03.2017 - 13:02

Hallo Sabine!

Ich hab mich gerade sehr über deine Antwort gefreut!
Jetzt geht es mir schon gleich etwas besser...
Weil tief im Herzen, weiß ich schon, dass ich wieder nach Hause gehöre.
Deine Erfahrungen sind mir sehr wertvoll und auch die Dinge, die du jetzt an Deutschland schätzt. Das gibt mir Mut, dass ich es bald auch bald wieder so sehen kann...
Erfrischend, dass mir mal jemand nicht rät, zu kämpfen und meinen "Traum" wahr zumachen... Das setzt mich unter Druck und ich bekomm schon Bauchweh bei dem Gedanken, auf Sponsorenjagd zu gehen und erfolgreich dabei sein zu müssen, weil ich sonst abgeschoben werde...
Nachts wach zu liegen, weil ich nicht genau weiß, wie ich über die Runden kommen soll. Hoffentlich nicht krank zu werden oder noch schlimmer: Zahnschmerzen zu kriegen, bei denen ich den Zahnarzt dann selbst zahlen muss...

Auf mein Herz zu hören, hilft nicht weiter, es zieht mich in zwei Richtungen.
Und nicht jeder "Traum" ist auch richtig und muss in Erfüllung gehen, zum Glücklich sein. Manche Träume müssen erst hinterfragt werden und verstanden werden, was er für Konsequenzen mit sich bringt. Für viele klingt Australien wie ein Traum am Strand, für den man alles stehen und liegen lassen sollte und man wird für den eigenen Mut bewundert.
Mutig ist es aber auch, sich und allen gut meinenden Bekannten einzugestehen, dass es ein Traum von Dauer war.
Und ich denke, wenn ich jetzt gehe, wird Australien seinen Zauber für mich behalten und vielleicht nicht so ausbleichen, wie es dir gegangen ist...
Das ist für dich sicher unangenehm gewesen... mir hilft deine Erfahrung sehr, vielleicht Frieden mit mir und dem Projekt Australien zu machen.

Australien läuft mir nicht davon und ich habe schon unterschiedliche Ideen, wie ich immer mal wieder in meine Metropole des Herzens zurück komme...das geht vom regelmäßigen Urlaub alle 5 Jahre bis zum Umschulen auf Online-Nomade, wo ich vom Laptop aus überall auf der Welt arbeiten könnte - und eben auch 3 Monate pro Jahr von Australien aus mit Touri-Visum.

Australien wird mich nicht los. Aber meine Familie möchte ich lieber in der Heimat gründen, in der Nähe meiner Lieben... 10 Jahr früher hätte mich das Studentenleben auf Dauer wohl nicht gestört... aber mit 35 wird es jetzt vielleicht Zeit für mich, nach all den Oz Abenteuern mir mal wieder was aufzubauen... und wer weiß, vielleicht schlepp ich bald meine ganze Familie runter zum Bondi Beach und erzähle ihnen in Dreamtime-Manier von allem, was ich hier erlebt hab....
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Beitragvon Chacco » 17.03.2017 - 13:16

Eigentlich hast du dich ja schon entschieden, hörst also auf den Herz.
Bei mir war es damals so, dass ich die Schnauze gestrichen voll von Deutschland hatte. Bin dann erst 1 Jahr in Australien gewesen, danach 10 Jahre in Thailand, mehrheitlich in Bangkok.
Jetzt bin ich mit meiner Familie seit fast 2 Jahren in der Schweiz, seit neuestem an der Grenze zu Deutschland.
Meine Eltern werden auch bald in die Grenzregion ziehen, das hat einfach den Hintergrund, dass meine schwer kranke Mutter noch einige Zeit in der Nähe ihrer Enkeltochter verbringen kann.
Das kommt natürlich von Herzen, aber mein Herz ist nicht in Deutschland und auch nicht in der Schweiz zu Hause.
Ich war seit 2006 nicht mehr in Australien, die Sehnsucht ist aber gross, seitdem ich wieder in Europa bin.
Eigentlich würde ich gern zurück nach Australien oder vielleicht auch wieder nach Thailand, aber die nächsten Jahre werden wir wohl hier bleiben.
Was ich damit sagen will: ich habe seit 2005 fast immer auf mein Herz gehört und war meist sehr zufrieden. Die Entscheidung, nach Europa zu gehen, war keine Herzensangelegenheit, das waren eher rationale Gründe.
Glücklich bin ich hier aber nicht, ich halte es nur gut aus, weil ich weiss, dass es nicht für immer sein wird.
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Beitragvon Wittchen » 22.03.2017 - 04:47

Hallo Chacco!

Danke für deine Antwort! Das ist auch eine interessante Perspektive! Und ein interessantes Leben, das du da führst...
Ganz entschieden hab ich mich leider immernoch nicht... Will nochmal versuchen, ein Sponsorship zu finden... Hab Angst, dass ich wie du in Deutschland nicht glücklich bin... aber woran liegt es denn eigentlich. Sind es echt Meer und Palmen und eine Auswahl an spannender Natur, die fehlen?
Und die Angst, vielleicht danach nicht mehr zurück nach Australien zu dürfen nach allem hin und her. Und ich treffe so viele Deutsche, die es hier geschafft haben mit ein bisschen Ausdauer...
Ich bin immernoch hin und her gerissen. Bin ICH es, die zurück will? Oder sind es die Erwartungen meiner Familie und mein Bild von einem "ordentlichen Leben" mit Haus und Kindern und 40 Stunden Job? Die Angst, dass mir alles eine Nummer zu groß ist...?

Die Fragen spielen Karussell in meinem Kopf... Tag und Nacht...
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Beitragvon Chacco » 22.03.2017 - 14:19

Wittchen hat geschrieben:Sind es echt Meer und Palmen und eine Auswahl an spannender Natur, die fehlen?

Das glaube ich nicht wirklich, denn spannende Natur findet man auch in Deutschland, Strände auch. Das Wetter spielt sicher eine Rolle, denn dadurch spielt sich das Leben mehr auf der Strasse ab. Das ist bei mir glaube ich der Hauptfaktor, ich fühle mich schon im Tessin viel heimischer, als hier in der Nordschweiz, denn vom Lebensstil ist es eher wie in Italien.


Wittchen hat geschrieben:Bin ICH es, die zurück will? Oder sind es die Erwartungen meiner Familie und mein Bild von einem "ordentlichen Leben" mit Haus und Kindern und 40 Stunden Job?

Vermutlich sind es die Erwartungen an dich, ich kenne das sehr gut. Man will niemanden enttäuschen, aber trotzdem will man auf sein Herz hören. Beides gemeinsam geht oft gar nicht oder nur mit Spagatschritten.
Ich kann dir die Entscheidung nicht abnehmen, das musst du zwischen Herz und Verstand klären. Setze dich aber nicht zu sehr unter Druck, denn letztendlich ist die Entscheidung, wie auch immer sie ausfallen wird, nicht entgültig. Mach dir das bewusst, dann fällt es dir vermutlich schon einfacher, dich vorerst zu entscheiden.
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Beitragvon Bine » 22.03.2017 - 16:40

Chacco hat geschrieben:.... denn letztendlich ist die Entscheidung, wie auch immer sie ausfallen wird, nicht entgültig. Mach dir das bewusst, dann fällt es dir vermutlich schon einfacher, dich vorerst zu entscheiden.

Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, den ich völlig vergessen habe.
Anfang der 90iger Jahre ist ein Bekannter nach Australien ausgewandert. Er war zufrieden, hatte einen gut bezahlten Job in Melbourne und ist vor ca. 6 Jahren (mit Ende 40) wieder nach Deutschland (Berlin) zurückgekehrt und bereut es nicht.
Er vermisste vor allem die Kultur hier bei uns und geistreiche Gespräche mit Menschen, die sich nicht nur für Cricket und Barbecue interessieren.
Jetzt lebt er in Kreuzberg mittendrin in der Kultur-Szene und ist froh, wieder hier zu sein. Australien reizt ihn nicht mehr.

Heute sagt er, dass Australien für ihn nie ein endgültiges Ziel war, sondern ein Teilabschnitt seines Lebens.

Gruß
Sabine
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Beitragvon equinox » 02.05.2017 - 19:51

Bine hat geschrieben:Er vermisste vor allem die Kultur hier bei uns und geistreiche Gespräche mit Menschen, die sich nicht nur für Cricket und Barbecue interessieren.
(...)
Heute sagt er, dass Australien für ihn nie ein endgültiges Ziel war, sondern ein Teilabschnitt seines Lebens.


Ich denke, dass es IMMER die jeweiligen Ziele und Erwartungen sind, die einen Menschen in seiner jeweiligen Lebensphase zu Entscheidungen zwingen: Sind es mit Mitte 20 die scheinbare und grenzenlose Freiheit und Unbekümmertheit, die easy-going-and-no-worries-Mentalität der Aussies, die faszinierende Natur, die Sonne, die Wärme, die Farben und die unglaubliche Weite und Offenheit des Landes, die in dieser Mentaltität ihr Pendant finden und einen jungen Menschen fasziniert anziehen, so sind es mit zunehmender Reife, Gelassenheit und Ruhe eher die sozialen Bindungen, die immer wichtiger werden und Zeit, Ruhe, Frieden und Rückzugsmöglichkeiten bieten.
Nach dem großzügigen Erleben der grenzenlosen Weite sucht man (früher oder später) die Intimität von sozialen Bindungen und echten Freundschaften, die emotional tief und weit gehen und sich nicht nur auf Oberflächlichkeit und banalen Gedankenaustausch beschränken.
Ein echtes "Zuhause", eine emotionale Heimat ist eben nicht an das 'natural environment' gekoppelt, sondern an die Menschen, die für Wärme, Nähe, Herzlichkeit, Geborgenheit, Sicherheit... etc.pp. sorgen.

Wer DAS in Australien findet und sich dort eine soziale Lebenswirklichkeit aufbauen kann, hat den JackPot gewonnen. Aber es wird allerdings auch viele geben, die diese Ziele doch nur wieder in ihrer "alten" Heimat in Europa verwirklichen können, weil sie dort Gleichgesinnte treffen, die ähnlich, wie sie selbst 'ticken'. Australien ist und war dann nur eine von vielen Episoden auf ihrem Lebensweg.
Lieben, Leben, Lachen... veni vidi vici!

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